3. Die Grafen und Freiherren v. Wintzingerode und ihr Stammort

von Heinrich Jobst Graf von Wintzingerode

Das Dorf Wintzingerode ist der Ort, von dem aus sich unsere Familie vor 800 Jahren anschickte, ihren Lauf durch die Geschichte zu nehmen. In jenen Jahrzehnten, derer wir in diesem Jahr gedenken, sind in ganz Deutschland viele der noch heute blühenden uradligen Geschlechter aus dem Dunkel der Namenlosigkeit getreten. Doch nur wenigen war es vergönnt, über alle Jahrhunderte ihrer historischen Existenz mit ihrem Stammort so eng verbunden zu bleiben, wie dem unseren. Wahrscheinlich hat ein unbekannter Stammvater mit Namen Winzo, Witzo, Wisso oder ähnlich das Dorf in der nachfränkischen Siedlungsperiode zwischen 900 und 1000 gemeinsam mit seiner Gefolgschaft gegründet. Winzo wird die Gründung dann als freies Allod an seine Erben weitergegeben haben, womit sich erklärt, daß die Wintzingerode ihren Stammort nie von einem Fürsten zu Lehen trugen, sondern bis zum Anschluss an Preußen 1803 immer aus eigenem Recht besaßen und davon ihren Freiherrenstand herleiteten. Das Dorf war also unter den vielen winzigen freien Herrschaften des Alten Reichs eine besonders kleine. Dieser Tatsache blieb sich die Familie immer bewußt und daher rührt auch ein Teil ihrer konstanten Anhänglichkeit an das Dorf. 1209 erscheint dann die Familie und damit der Name des Dorfs mit dem Edelfreien Bertold de Wincigeroth  in einer Urkunde.  {mospagebreak}

Eine Reihe bedeutender Einzelpersönlichkeiten führte die Familie über die Grenzen ihres Dorfes, später der Herrschaft Bodenstein und des Eichsfelds hinaus. Berthold VI. wurde zu Beginn des 14. Jahrhunderts Protonotar des Erzbischofs in Mainz und Gesandter des Deutschen Königs beim Papst. Seine Erben konnten mit dem von ihm ererbten Vermögen die Burgen Bodenstein und Scharfenstein mit Zubehör sowie eine Reihe weiterer Besitzungen erwerben. Die beiden folgenden Jahrhunderte waren eine Zeit der Prosperität, die eine stete Besitzerweiterung im Eichsfeld, in Thüringen und Niedersachsen zur Folge hatte. Sie wurde erst durch den Einschnitt der Reformation beendet. Deren Folgen waren die Hinrichtung Bertholds XI. 1575 und der anschließende aufreibende Kampf um die Freiheit des Bekenntnisses, den die Familie Seite an Seite mit ihren Vasallen in den Dörfern der Herrschaft führte und mit Hilfe des Hauses Braunschweig 1648 endlich gewonnen hatte. Seine Folge war der Verlust weiter Teile ihres Vermögens und ihres überregionalen Einflusses, aber auch der Gewinn der engen Schicksalsgemeinschaft mit den Bewohnern der fünf Gerichtsdörfer als evangelische Diaspora in rekatholisierter Umgebung. Die Familie besaß in der Herrschaft Bodenstein die weitreichendsten Rechte, die je ein nichtfürstliches Haus im Alten Reich besessen hat. Sie übte neben dem fürstlichen Bischofsrecht u. a. das der Hohen Gerichtsbarkeit mit dem Blutbann, die Hohe Jagd und das Bergregal aus. Im 17. Jahrhundert entwickelte sich eine rege Bautätigkeit: Der Bodenstein wurde von einer mittelalterlichen Burg in ein Bergschloss verwandelt, Adelsborn, der Unterhof in Kirchohmfeld und die Ausstattung verschiedener Gotteshäuser entstanden. Gleichzeitig strebten die Familienmitglieder verstärkt über die Grenzen ihrer Heimat hinaus. Wasmuth Levin wurde Feldmarschall der niederländischen Republik, etwa ein Dutzend andere folgten nach ihm seinem Vorbild und erreichten den Generalsrang im Dienst der verschiedensten Herren. Der bekannteste unter ihnen ist der vom Unterhof stammende Ferdinand, der für Rußland und Österreich gegen Napoleon kämpfte. {mospagebreak}

Das Verhältnis zwischen Familie und Dörfern blieb nicht immer ungetrübt, wie die zahlreichen Prozesse und Vergleiche zeigen, die sich besonders im 18. Jahrhundert häuften. Der Verwaltungssitz der Herrschaft war zunächst alternierend der Bodenstein oder Adelsborn, später das Gerichtsgebäude in Wintzingerode an der heutigen Bundesstraße. Auch das 18. Jahrhundert ließ neue Wohnhäuser der Familie entstehen, so das in Wintzingerode sowie die in Wehnde, Tastungen und auf dem Oberhof in Kirchohmfeld.Eine prägende Gestalt für die Familie und für Bodenstein war der erste Reichsgraf Georg Ernst Levin, der durch seine Heirat mit einer preußischen Prinzessin, seine Stellung als Premierminister in Stuttgart und Gesandter in Paris ein europäischer Kosmopolit wurde, der sich brillant auf dem Parkett der Weltpolitik zu bewegen wußte und dennoch tief in seiner Bodensteiner und Wintzingeröder Heimat verwurzelt war, die er mit seinem exquisiten Kunstgeschmack zu bereichern wußte. Nicht weniger sein Sohn Heinrich Levin, der ebenfalls Minister war und sein Enkel Wilko Levin, der als Landeshauptmann der preußischen Provinz Sachsen vorstand, zu der bis 1944 auch Wintzingerode gehörte. Alle drei liegen in der Gruft oberhalb des Dorfes. Die Freiherren v. Wintzingerode aus dem Gutshaus in Wintzingerode prägten das preußische Forstwesen, welches der Oberlandforstmeister Carl als oberster Forstbeamter des Königreichs leitete. Der Zweig Wintzingerode-Knorr aus Adelsborn und Wehnde machte sich in der Person des stellvertretenden Landeshauptmanns Levin um die Geschichtsschreibung des Eichsfeldes verdient. Schließlich kam die Zeit der beiden Weltkriege, die in den Dörfern genauso erlitten wurden, wie auf dem Bodenstein, der jeweils seinen Besitzer im Felde verlor. Ein besonders enges Verhältnis zwischen Burg und Dorf ergab sich in der Zeit der Verwaltung durch Gisela, geb. Gräfin v. der Schulenburg, deren ökonomische Zähheit den Besitz durch die schweren Zeiten der Weimarer Republik und des Dritten Reichs brachte. {mospagebreak}Ihr kirchliches Engagement gegen den Nationalsozialismus brachte ihr neben der Ehre die Genugtuung ein, die Stammburg ihres Sohnes in den Händen der Kirche zu sehen und sie nicht der zweiten deutschen Diktatur überlassen zu müssen. Der Stalinismus vertrieb die Familie aus ihrer jahrhundertelangen Heimat, konnte jedoch die Verbindung nie ganz unterbrechen. So war es für uns nach der Friedlichen Revolution 1989 eine Selbstverständlichkeit, hierher zurückzustreben. Wir sind glücklich, nach Jahrzehnten der Trennung wieder in unserer Heimat zu leben und freuen uns, mit dem Dorf, dessen Namen wir tragen, sein langes Bestehen feiern zu dürfen!

 

 

 

 

                                                Bild 10 der Familie von Wintzingerode

 

                                                Bild 11 von Ferdinand Freiherr von Wintzingerode

 

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