1.8 Es hätte blöket in der Erde wie en Osse – der Erdfall zu Wintzingerode von 1798

Duderstadt, Sonntag, den 18. März 1798. Herr Benzenberg, ein Student der Hochschule Göttingen, verfasst mit den ihn begleitenden Kommilitonen seinen Abschlussbericht zur Untersuchung des „Erdfalles“ von Wintzingerode.

Duderstadt, Sonntag, den 18. März 1798. Herr Benzenberg, ein Student der Hochschule Göttingen, verfasst mit den ihn begleitenden Kommilitonen seinen Abschlussbericht zur Untersuchung des „Erdfalles“ von Wintzingerode. „Der Erdfall zu Wintzingerode 5/4 Meilen von hier (von Göttingen d.A.), ereignete sich am 6ten dieses, kündigte sich aber schon den 5ten durch ein Getöse in der Erde an. Wie stark diese gewesen, konnte ich nicht mit Gewissheit erfahren, da die Angaben derjenigen, die ich befragte, sehr verschieden waren: ein Bauer sagte mir bei der Beschreibung, es hätte „blöket“ in der Erde, wie en Osse“ (Ochse d.A.); ein anderer, es hätte „knattert“, o. wie –„ wobei er sich wegen des Ausdrucks verlegen fand. Der Erdfall ist an dem nordöstlichen Anhange eines Berges, der dem Schlosse Bodenstein gegenüber liegt“ (Ende des Zitats) {mospagebreak}Was war damals geschehen, das so viel Aufsehen erregte? Das Unter-Eichsfelder-Ohmgebirge hat durch Einwirkung des Wassers im Laufe der Zeit manche Veränderung seiner Gestalt wie auch Minderung seines Bestandes erlitten. Dafür spricht sein heutiges Bild mit den vielen zerklüfteten Wänden und Felsen; aber es konnte auch nicht anders sein bei einer geologischen Fügung seiner Art. Auf einem Bundsandsteinsockel lagert eine Muschelkalkplatte von etwa 28 Quadratkilometern Ausdehnung in unregelmäßigem Viereck, mit nur einzelnen Erhebungen über die Lufthöhe von 500 Metern hinaus. Die Feuchtigkeit dringt in den verhältnismäßig weichen Kalk, sickert hindurch, sammelt sich aber wieder auf dem festen Bundsandstein und bahnt sich hier, zwischen Sockel und Platte, einen Weg ins Freie. Besonders durch den starken Frühjahrsregen eben zu dieser Zeit der Schneeschmelze und somit ohnehin beträchtlicher Wasserzuleitung wird der Kalkblock zerspült und unterspült. Gelegentlich lösen sich alsdann durchtränkte Massen aus dem Verbande, brechen in die entstandenen Hohlräume ein (Erdbruch) oder rutschen ins Tal hinab (Erdrutsch); am Gebirgsrande folgt naturgemäß einem Erdbruche gar bald ein Absturz (Erdfall) der höheren, nun nicht mehr gestützten und gehaltenen Schichten. So auch bei der starken Erschütterung der Nordostwand des Weinberges. Im Eichsfeld mochte Lichtenberg höchstens einen Vorgang wähnen nach Art jenes Erdbruches zu Rulle bei Osnabrück, am 22. April 1782 den der Osnabrücker Gymnasiallehrer Christian Ludolph Reinhold noch persönlich besichtigt und dann in einer eigenen Schrift behandelt hatte. {mospagebreak}So wird, rein wissenschaftlich, das Ereignis von 1798 dargestellt. Es wurde zur damaligen Zeit in dem „Neuen Hannöverischen Magazin“ veröffentlicht, Georg Christoph Lichtenberg selbst hatte dies veranlasst, was er im Nachhinein bitter bereute. Auch damals, wie heute, war die Presse eher an Sensationen, als an einer sachlichen Darstellung interessiert. Der ganze Vorgang ist nachzulesen in den „Forschungen zum Leben Christian Ludolph Reinholds, 1. Heft, dargestellt von Dr. phil. Franz Flaskamp, erschienen im Verlag Aloys Mecke, Duderstadt. Was also hier passiert war, so die „Experten“ der Göttinger Hochschule, war nur ein „Vorgang“ der Art eines größeren Erdbruches, wie er z.B. bei Osnabrück geschah. Es war also kein Erdbeben und auch ist nicht der Teufel aus dem Berg gefahren, und es ist kein geheimer Gang derer von Wintzingerode, welcher von der Burg ins Tal führen solle, eingestützt . Es war lediglich so, wie es Georg Christoph Lichtenberg in einem Brief an Benzenberg beschreibt: „Von einem Erdbeben wurde nichts gesagt, sondern bloß, dass etwa 100 Morgen Landes gesunken sein, also ein Dachstübchen von de Lucs Höhlen – Gebäude. Erdfälle dieser Art sind nicht selten.“ (Ende des Zitats)

 

 

 

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